| Partei | Ergebnis 2021 | Sonntagsfrage 12.08.2026 |
|---|---|---|
| AfD | 20,8 % | 43 % |
| CDU | 37,1 % | 23 % |
| Die Linke | 11,0 % | 13 % |
| SPD | 8,4 % | 7 % |
| Grüne | 5,9 % | 5 % |
| BSW | neu | 4 % |
| FDP | 6,4 % | 2 % |
Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In den Umfragen liegt die AfD mit gut 40 Prozent so weit vorn wie noch nie bei einer deutschen Landtagswahl. In den Kurzvideo-Feeds ist der Abstand noch einmal deutlich größer.
Für diese Analyse tracken wir mit viral.app die Accounts aller sieben relevanten Parteien und ihrer Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten auf TikTok, Instagram, Facebook und YouTube, live und bis zum Wahltag.
Der aktuelle Stand des Rennens in Zahlen:
Sachsen-Anhalt wird seit 2021 von einer Koalition aus CDU, SPD und FDP regiert. Ministerpräsident ist seit Januar 2026 Sven Schulze, der nach dem Rückzug von Reiner Haseloff übernommen hat und nun zum ersten Mal als Spitzenkandidat antritt. Sein wichtigster Herausforderer ist AfD-Fraktionschef Ulrich Siegmund, dessen Partei der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch einstuft.
Die letzte Sonntagsfrage von pollytix vom 12. August (Telefon und online, n = 2.604, Feldzeit 3. bis 8. August, im Auftrag von Campact) zeigt, wie stark sich das Land seit dem amtlichen Endergebnis der Wahl 2021 verschoben hat:
Soweit die klassische Demoskopie. Uns interessiert hier eine andere Frage: Wie verteilt sich die Aufmerksamkeit dort, wo ein großer Teil der Wählerinnen und Wähler heute Politik konsumiert, nämlich in den Kurzvideo-Feeds?
Dafür stellen wir den Umfragewerten den Anteil an allen Short-Form-Views gegenüber, die die getrackten Partei- und Kandidaten-Accounts in den letzten 30 Tagen eingesammelt haben:
Das Ergebnis ist drastischer als jede Umfrage. Die AfD kommt aktuell auf 80 % aller Views im Rennen, bei einem Umfragewert von 43 Prozent. Acht von zehn Views zu dieser Wahl landen also bei einer einzigen Partei. Die CDU holt mit ähnlich vielen veröffentlichten Videos nur 8,6 % der Views, die Linke trotz 13 Prozent in der Sonntagsfrage sogar nur 1,9 %.
Zwei Muster stechen heraus:
Short-Form-Views messen keine Wahlabsicht, sondern Aufmerksamkeit in den Feeds. Aber sie zeigen, wessen Botschaften im Endspurt dort ankommen und wessen nicht.
Der Blick auf die absoluten Zahlen macht die Größenordnung greifbar:
Der bemerkenswerteste Wert steht in der Spalte „Quote ≥ 100k“: 48 % aller AfD-Videos der letzten 30 Tage haben mehr als 100.000 Views erreicht, fast jedes zweite. Das Median-Video der AfD liegt bei etwa 97.000 Views. Zum Vergleich: Das Median-Video der SPD kommt auf etwa 2.000 Views, und kein einziges SPD-Video hat im selben Zeitraum die 100.000er-Marke geknackt.
Auch die Follower-Basis ist extrem ungleich verteilt. Die getrackten AfD-Accounts kommen zusammen auf 2,4 Mio. Follower. Alle anderen Parteien zusammen kommen auf weniger als ein Zehntel davon.
Gruppiert man die Videos nach ihrer Veröffentlichungswoche und summiert die bis heute aufgelaufenen Views, lässt sich der Wahlkampf auch als Zeitreihe lesen. Wichtig dabei: Das ist kein Wochenzuwachs — ältere Wochen hatten mehr Zeit, Views zu sammeln, und die jüngsten Wochen laden noch nach:
Die Videos der AfD führen in jeder einzelnen Veröffentlichungswoche seit Mitte Juli, mit Ausschlägen von zweistelligen Millionenwerten. Die stärkste Einzelwoche jeder anderen Partei liegt darunter, was die AfD-Videos einer durchschnittlichen Woche allein einsammeln.
Die AfD-Dominanz hat einen Namen. Ulrich Siegmund, 35, AfD-Fraktionschef und Spitzenkandidat, betreibt unter „Mut zur Wahrheit“ den mit Abstand erfolgreichsten politischen Kurzvideo-Kanal des Landes. Seine vier Accounts kommen zusammen auf 2,0 Mio. Follower und in den letzten 30 Tagen auf 42,2 Mio. Views. Ein durchschnittliches Siegmund-Video erreicht 325.000 Views.
Damit steht ein einzelner Politiker für rund drei Viertel aller Views im gesamten Rennen. Sein Format ist dabei bemerkenswert konstant: direkte Ansprache in die Kamera, Alltagsszenen aus Sachsen-Anhalt, klare Feindbilder, im Schnitt über anderthalb Minuten lang. Das aktuell reichweitenstärkste Beispiel:
Wer glaubt, die anderen Parteien würden Short-Form ignorieren, liegt falsch. Sven Schulze hat in den letzten 30 Tagen 212 Videos veröffentlicht, mehr als jeder andere Spitzenkandidat, Siegmund eingeschlossen. Die CDU postet mit 7,6 Videos pro Tag praktisch gleich viel wie die AfD.
Nur: Der Output kommt nicht an. Ein durchschnittliches Schulze-Video erreicht 20.000 Views, nicht einmal ein Zehntel von Siegmunds Schnitt. Auch das Format unterscheidet sich: CDU-Videos sind im Schnitt rund 35 Sekunden lang, klassische geschnittene Clips. Die AfD setzt auf gut 100 Sekunden lange Monologe, ein Format, das auf lange Watchtime zielt.
Interessant ist auch die Kommentarspalte. Die CDU bekommt pro View gut dreimal so viele Kommentare wie die AfD, die SPD sogar sechsmal so viele. Bei den Regierungsparteien wird diskutiert, beim AfD-Publikum wird geliked: Die Engagement-Rate der AfD liegt bei 7,6 %, die der CDU bei 3,7 %.
Hinter dem Duell Siegmund gegen Schulze fällt vor allem eine Kandidatin auf: Susan Sziborra-Seidlitz von den Grünen erreicht mit nur 32 Videos rund 3,1 Mio. Views, die zweitbeste Reichweite pro Video im gesamten Feld. Ihr Rezept sind pointierte Faktencheck-Reels, die gezielt auf virale AfD-Momente antworten:
Am anderen Ende der Tabelle: SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann produziert viel und erreicht wenig, seine 125 Videos kommen im Schnitt auf 3.900 Views. Und das BSW, immerhin bei 4 Prozent in den Umfragen, ist mit seinem Spitzenduo Claudia Wittig und Thomas Schulze in den Feeds quasi unsichtbar.
Wie extrem personalisiert dieser Wahlkampf ist, zeigt die Ebenen-Analyse. Wir haben jeden getrackten Account nach seiner Rolle klassifiziert:
93 % der gesamten erfassten Reichweite laufen über die persönlichen Accounts der Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten, die Landesverbände und Fraktionen sind Statisten im eigenen Wahlkampf. Die Forschung zur Bundestagswahl 2025, etwa die TikTok-Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung und der EFBI Digital Report, beschreibt politische Kurzvideo-Reichweite als zunehmend personen- statt parteigetrieben. Sachsen-Anhalt ist dafür der bisher extremste Beleg auf Landesebene. Das Kontrastprogramm liefert übrigens gerade Berlin: Dort kommen die Spitzenkandidaten selbst auf vergleichbarem Zuschnitt nur auf rund 30 Prozent der Views — und über alle dort getrackten Ebenen hinweg, inklusive hunderter Wahlkreis-, Bezirks- und BVV-Accounts, die diese Analyse hier bewusst nicht erfasst, sogar nur auf rund ein Siebtel; mehr als die Hälfte der Berliner Views entsteht unterhalb der Landesebene.
Drei Beobachtungen aus dem Plattform-Vergleich:
Die Zusammensetzung dieser Liste erzählt die Geschichte des Wahlkampfs in Kurzform: In den letzten 30 Tagen haben 11 Uploads die Marke von einer Million Views geknackt, fast alle davon von Siegmund — darunter derselbe Clip mehrfach als Crosspost auf verschiedenen Plattformen (Stand 25. August entsprechen elf Uploads acht unterschiedlichen Videos). Zum Vergleich: Der gesamte getrackte Berliner Wahlkampf hat im selben Zeitraum kein einziges Millionen-Video hervorgebracht. Insgesamt konzentriert sich die Aufmerksamkeit stark auf wenige Hits: Das oberste 1 Prozent der Videos vereint 19,3 % aller Views auf sich, die obersten 10 Prozent kommen auf über 70 Prozent.
Ein Blick in die Hashtags zeigt, wie unterschiedlich strategisch die Parteien vorgehen (Momentaufnahme vom 24. August):
Views sind keine Stimmen. Ein 16-jähriger TikTok-Nutzer aus Bayern zählt in dieser Statistik genauso wie eine Wählerin aus Magdeburg, und wer ein Video sieht, stimmt deshalb noch lange nicht zu. Unsere Analyse zur Bundestagswahl 2025 hat aber gezeigt, wie eng Feed-Dominanz und politisches Momentum inzwischen zusammenhängen können.
Genau deshalb bleibt dieser Artikel bis zum Wahlabend live. Nach dem 6. September frieren wir das 30-Tage-Fenster ein und stellen die Short-Form-Anteile dem amtlichen Endergebnis gegenüber. Dann zeigt sich, ob die Feeds der bessere Frühindikator waren als die Sonntagsfrage.

Erstmals wählen 16-Jährige das Abgeordnetenhaus mit. Wir tracken über 400 Accounts der sieben umfragerelevanten Parteien über alle Ebenen live: Der Berliner Kurzvideo-Wahlkampf ist leise, radikal dezentral, und sein Reichweiten-König ist ein Unbekannter.
Felix Vemmer
Co-Founder

Analyse von 32.443 TikTok- und Reels-Videos aus Bundestags-Accounts: 1% der Videos holt 49% der Views.
Felix Vemmer
Co-Founder
